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Depression: Was kann ich selber tun?
von: Dr. med. Martin Jost, Meilen
Wir reden oft von Depression und sind froh, wenn es uns selber nicht betrifft! Wir hören so viel davon und doch wissen wir im Grunde noch viel zu wenig. Häufig fühlen wir uns als Betroffene oder Angehörige hilflos. Deshalb möchte ich in diesem Artikel darlegen, was wir selber beitragen können, um wieder aus dem Loch zu kommen.
Doch zuerst ein kurzer Abriss über die Depression:
Depression ist eine komplexe Krankheit, die sich vor allem in den folgenden Symptomgruppen manifestiert: Auf der Gefühlsebene dominiert die gedrückte Stimmung, der Pessimismus, die fehlende Freude. Der Antrieb fehlt, man kommt kaum aus dem Bett. Das Denken ist negativ, zäh und kreist immer um dieselben Themen. Es kommen auch diverse körperliche Begleitsymptome vor und auch Suizidgedanken sind häufig. Depression ist eine Systemkrankheit!
Dass Depression irgendetwas mit der Seele zu tun hat, wissen heute alle. Dass dies aber eine komplexe Systemkrankheit ist, die natürlich schwergewichtig mit dem Gehirn zu tun hat, aber den ganzen Körper betrifft, schon weniger.
Dazu ein paar Beispiele:
Die Reaktion der Haut auf Temperaturreize ist während der Depression messbar verändert, normalisiert sich aber nach erfolgreicher Behandlung wieder. Mehrere Hormonsysteme sind markant verändert. Während der Depression ist das Stresshormon Cortisol erhöht, umgekehrt gibt es einen Mangel an Wachstumshormonen während der Nacht. Überhaupt ist das ganze Stresssystem im Alarmzustand. Das beeinflusst zum Beispiel die Blutgerinnung und andere für den Kreislauf relevante Systeme, sodass Depressive ein mehrfach erhöhtes Risiko haben, an den Gefässen zu erkranken, am häufigsten Herzinfarkte und Hirnschläge. Dass eine schwere Depression einer ärztlichen Betreuung (zumeist unterstützt durch Medikamente) bedarf, ist klar. Gerade in dieser Zeit gilt es zum Teil abzuwarten, bis die Medikamente und die ärztliche Behandlung greifen. Diese relativ passive Phase verleitet dazu anzunehmen, man könne selber nichts beitragen.
Was können wir selber tun?
Dabei müssen wir realisieren, dass dieses Ich, das da gefragt ist, alles
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andere als in Höchstform ist. Der Antrieb liegt darnieder, die Kreativität ist eingeschlafen, der Pessimismus dominiert, die Motivation hat auf einer Briefmarke platz. Was kann ich unter diesen denkbar ungünstigen Voraussetzungen denn überhaupt tun?
Der Teufelskreis der Hilflosigkeit
Im Bereich der Psychologie meint Hilflosigkeit das intensive Gefühl, an einer Situation nichts verändern zu können. Ob das effektiv so ist, oder ob wir das nur meinen, spielt keine Rolle. Die Folgen dieses Gefühls sind fatal:
Wir sind wie gelähmt, blockiert. Die Hilflosigkeit lässt uns erstarren. So wird sie zu einem gefährlichen Nährboden für die Depression. Und genau hier entsteht |
ein Teufelskreis:In der Depression spüre ich, wie mein Antrieb am Boden ist und dass ich meine übliche Leistung bei weitem nicht erbringen kann. So entsteht das Gefühl der Hilflosigkeit, das wiederum die Depression begünstigt.
Was kann ich angesichts der deutlich eingeschränkten Möglichkeiten dennoch tun? Wie kann ich diese Hilflosigkeit durchbrechen? Was kann ich selber tun?
- Die beste Medizin gegen Hilflosigkeit ist ein Erfolgserlebnis. Wenn ich erfahre, dass ich eben doch etwas bewegen kann, bin ich nicht mehr hilflos. Wie soll das gehen, wenn wir doch nicht oder fast nicht mögen? Entscheidend ist, dass wir die Ansprüche sehr tief halten. Wenn wir etwas Einfaches tun, das wir immer noch zu leisten vermögen, dann führt das zu einem kleinen Erfolgserlebnis. Immer wieder kleine Dinge tun, ist mit Sicherheit besser als im Bett zu liegen.
- Die zweite Medizin, die wir selber anwenden können, ist körperliche Betätigung.
Es mag banal klingen, aber mässige körperliche Betätigung ist nachgewiesenermassen hilfreich. Am besten draussen, bei jedem Wetter. Wenn es schön ist, können wir gleichzeitig von der natürlichen Lichttherapie profitieren, besonders im Winter. Begleiter sind dabei sehr hilfreich. Besonders gilt dies für Hunde. Sie ziehen uns mit, sie hören zu und stellen keine unpassenden Fragen wie das Menschen manchmal tun.
- Ebenso wichtig ist es, eine gute Tagesstruktur zu haben. Natürlich ist am Morgen das Bett regelrecht magnetisch (um einen Ausdruck einer Patientin zu verwenden) und man bleibt am liebsten den ganzen Morgen in den Federn. Auch wenn es Überwindung kostet, aber das Aufstehen lohnt sich.
Was können wir als Angehörige tun?
Bei Depressionen sind Angehörige stets mitbetroffen. Das können auch Nachbarn oder Arbeitskollegen sein. Sie leiden mit. Und sie sind häufig überfordert. Ihre Hilfestellung kann aber ganz wesentlich sein. Aber wie geht man am besten mit depressiven Mitmenschen um? Hilfreich ist es, sie bei ganz praktischen Besorgungen (Haushalt, Einkaufen etc.) zu unterstützen und zu Spaziergängen zu ermuntern und zu begleiten. Dasein und Begleiten sind allemal besser als tiefschürfende Gespräche über die Ursache der Depression oder gar Schuldzuweisungen. Wichtig ist, sich zu erinnern, dass auch der Wille erkrankt ist. "Ich kann nicht wollen," lautet die Devise. Deshalb verbietet sich ein Appell an den Willen. "Reiss dich zusammen" tut weh, da es eben nicht geht. Das zweite ist die verkümmerte Gefühlswelt. Der Depressive kann nicht empfinden! "Sieh doch, die Sonne scheint", verfehlt die erhoffte Wirkung und verstärkt häufig die Verzweiflung. Das ist auch einer der Gründe, warum Depressive zu Beginn nicht in die Ferien gehen sollten. Sie ärgern sich nur, dass sie es nicht geniessen können.
Wir als Angehörige können immer wieder Mut machen. Das ist besonders wichtig, weil es während der Depression kaum Hoffnung gibt und man die Zukunft stets negativ und pessimistisch beurteilt. Ich pflege den Patienten zu sagen: "Praktisch jede Depression hellt irgendwann mal auf, ich weiss nur noch nicht wann."
Im Weiteren können Angehörige mithelfen, dass die verordneten Medikamente nicht vergessen gehen und sie können und sollten sich an den Arzt wenden, wenn sie von Suizidgedanken hören. Dieser wird das konkrete Risiko abzuschätzen versuchen. Je konkreter die Idee, die Pläne, desto gefährlicher ist es.
Fazit:
Wir haben einen Knochenbruch oder ein Magengeschwür, aber wir SIND depressiv. Deshalb betrifft uns das direkter und tiefer als andere Krankheiten. Der Pessimismus ist lähmend und man spürt als Helfer die Hilflosigkeit ganz massiv. Auch wir Ärzte brauchen da oft einen langen Atem und breite Schultern. Aber es lohnt sich. Zu erleben, wie depressive Menschen wieder neu zu leben anfangen und sich wie neugeboren fühlen, entschädigt für manche bange und belastende Stunde.
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