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Hatschi – die Gräser blühen! (Gräserpollen)
von: Dr. med. Rainer Kehrt, Feldmeilen
Juri erwacht vom Geläut der Kirchenglocken. So lange habe ich geschlafen, denkt er, als es plötzlich in der Nase kitzelt und er mehrfach hintereinander niesen muss. "Hatschi, Hatschi, Hatschi."
Er öffnet die Augen und sieht, dass Mama wieder das Fenster geöffnet hat. Vor seinem Fenster blüht eine schöne Wiese, und schon spürt er das Kribbeln in der Nase. "Hatschi, Hatschi, Hatschi."
"Oh nein, nicht schon wieder. Die Pollen sind gekommen." Juri hat es schon fast vergessen, seit letztem Jahr hat er ja Heuschnupfen. Das bedeutet wieder Niesen, wenn er draussen spielt, laufende Nase, tränende Augen und dieses doofe kribbelnde Jucken. Doch da fällt ihm sein neuer Kinderarzt ein, und er muss lachen. Denn der hat ihm den Heuschnupfengruss gezeigt und der Mama gesagt, man könne den Heuschnupfen auch gut behandeln. Er hat ihm dann noch einen Sirup mitgegeben. "Ich muss schnell aufstehen und der Mama sagen, sie soll gleich beim Kinderdoctor anrufen."
"Heuschnupfen lässt sich tatsächlich gut behandeln, wenn man die individuellen Unterschiede beachtet", bestätigt der auf Allergien spezialisierte Kinder-und Jugendarzt Dr. Rainer Kehrt in Feldmeilen.
Arbeitsbeschaffungsmassnahme
Allergien und der Heuschnupfen, im Fachjargon saisonale allergische Rhinokonjunktivitis genannt, sind eine Art Arbeitsbeschaffungsmassnahme des Immunsystems, so Kehrt. "Das Immunsystem reagiert bei Allergikern auf Dinge, die ganz natürlich in der Umwelt vorkommen, wie eben auf Gräserpollen. Wie bei einem Schlüssel-Schloss-Prinzip erkennen spezialisierte Immunabwehrzellen die Aussenstruktur der Pollen und öffnen dadurch ihre Zelltüren. Dann schütten die Zellen ihre Inhaltsstoffe aus, was zu den bekannten Heuschnupfensymptomen mit Nasenschleimhautschwellung, Schleimsekretion, Bindehautentzündung und dem unangenehmen Juckreiz führt."

Vom Wurm zur Allergie
Bei allergischen Personen reagiere das Immunsystem fälschlicherweise, während Nichtallergiker die Pollen oder sonstige Allergene tolerieren, so Kehrt weiter. Was aber ist der Grund für diese Überreaktion, und warum haben die Allergien in den letzten Jahrzehnten so stark zugenommen?
"Darüber machen sich Forscher weltweit Gedanken und entwickeln verschiedene Theorien. Eine dieser Theorien sieht in der verbesserten Hygiene eine der Ursachen für die Zunahme von Allergien. Das Immunsystem, das ja eigentlich zur Abwehr von Infektionen dient, reagiert bei Allergikern übertrieben. Und zwar der Teil des Systems, der auch bei der Abwehr von parasitären Wurmerkrankungen aktiv wird. Da diese mit zunehmenden Hygienestandards selten geworden sind, hat sich das nun arbeitslose Immunsystem ein neues Arbeitsfeld gesucht, nämlich die Allergie. In Forschungsprojekten liessen sich daher allergische Personen freiwillig mit Würmern infizieren, und siehe da, die Allergiesymptome verschwanden. Im Dreck spielen und diesen auch in den Mund nehmen, ist ein gutes Training fürs Immunsystem und beugt Allergien vor", bestätigt der Experte Kehrt.
Ferien auf dem Bauernhof
Aus epidemiologischen Studien ist auch bekannt, dass Allergien bei Kindern in sozial besser gestellten Familien viel häufiger vorkommen. Es wird vermutet, dass die besorgten Akademikereltern ihren Kindern dreckige Dinge schneller wieder aus dem Mund nehmen. Einem Arzt in einer ländlichen Region fiel auf, dass unter seinen Allergikern kaum Bauern waren. Er regte die Forscher zu einer mittlerweile viel beachteten Untersuchung an, die zeigte, dass Mikroorganismen, die in der Stallumgebung vorkommen, der Entstehung von Allergien vorbeugen. Das damit konfrontierte Immunsystem hat etwas zu tun, wird trainiert und kommt so nicht auf dumme Gedanken, eine Allergie auszulösen. Doch dieser Effekt stellt sich nicht ein, wenn man nur eben mal kurz in einem Stall ist oder Ferien auf dem Bauernhof verbringt. Die Weichen werden anscheinend bereits im Mutterleib und während der ersten Lebensmonate gestellt, so Kehrt. Besonders geschützt seien Kinder von werdenden Müttern, die bis zuletzt im Stall arbeiten. " 'Am besten bis zur letzten Presswehe', pflegte mein Lehrer und ehemaliger Chef, der renommierte Berliner Kinderallergologe Prof. Dr. Ulrich Wahn, zu sagen. Mittlerweile führt er deshalb seit Jahren in Berlin eine Studie durch, bei der er Kindern mit erhöhtem Allergierisiko solche Mikroorgansimen von Geburt an gibt. Im nächsten Jahr wird mit Spannung erwartet, ob die Ergebnisse einen Effekt zeigen, der Allergien vorbeugt."
Heuschnupfenbehandlung
"Auch wenn der Zug in Sachen Allergie schon abgefahren ist, kann man ihn doch wieder umleiten", so Kehrt. Die Weichenstellung heisst "spezifische Immuntherapie", hierzulande als Desensibilisierung bezeichnet. Im Prinzip geht es darum, das Immunsystem wieder zu beschäftigen. In regelmässigen Abständen wird ihm das Pollenallergen präsentiert, das den Heuschnupfen auslöst, und dadurch werden Abwehrmechanismen gebildet, die wieder zur Toleranz der Pollen führen. "Das Hauptargument, eine solche Hyposensibilisierung durchzuführen, ist die Vermeidung des sogenannten Etagenwechsels. Denn bei knapp der Hälfte der Kinder mit Heuschnupfen wechselt die allergische Entzündung die Etage von den oberen Atemwegen zu den darunter liegenden Bronchien. Und gerade dieser Wechsel zum Asthma bronchiale lässt sich verhindern, wenn man mit der Desensibilisierung frühzeitig beginnt", veranschaulicht Kehrt.
"Wann kann Juri denn damit anfangen?", will Juris Mutter wissen. "Ideal ist es, nach kurzer Krankheitsdauer und am besten vor dem Etagenwechsel – das bedeutet nach zwei bis drei saisonalen Heuschnupfenjahren – in der pollenfreien Zeit im Herbst zu beginnen. Zuvor müssen wir aber noch einen speziellen Allergietest machen, um zu schauen worauf Juri allergisch ist. Denn mit Hilfe einer differenzierten Diagnostik kann eine entsprechende Therapie besser abgestimmt werden", erklärt Kehrt Juris Mutter.
"Hatschi! Und was kann ich sonst noch machen?", will Juri wissen. "Ein Antihistaminikum einnehmen, das nicht mehr müde macht. Und falls das nicht reicht, können Nase und Augen noch zusätzlich behandelt werden. Nützlich ist es auch, die Pollen in den Haaren vor dem Schlafen auszubürsten oder zu waschen. Die Kleider besser nicht im Schlafzimmer ausziehen und auch nicht draussen zum Trocknen aufhängen, da auch dort Pollen anhaften und dann in der Zimmerluft verteilt werden. Nachts sollte das Fenster geschlossen werden. Eine Brille verhindert, dass die Pollen in die Augen fliegen, was besonders beim Fahrrad fahren lästig ist", erläutert Kehrt. Doch die geeignete Therapie hängt auch vom betroffenen Kind und den Vorlieben der Eltern ab, weshalb sie individuell angepasst werden sollte.
Allergikergruss
Und wie war nochmal der Allergikergruss? Weil die Nase juckt und schnieft, wird meist mit der Handfläche von unten die Nase hochgeschoben. Da dies mehrfach täglich über Wochen hinweg gemacht wird, kommt es zu einer nicht gebräunten Querfurche auf der Nase. Daran erkennt man die Heuschnupfennase. Hatschi!
zum Autor
- Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Allergologie (2003)
- Kinderkliniken der Charité Berlin (1995 - 2004)
- Abteilung für Intensivmedizin, Kinderspital Zürich (2004 - 2005)
- Kinderarztpraxis Dr. A. P. Schmidt, Küsnacht (2005 - 2008)
- Praxis für Kinder- und Jugendmedizin in Feldmeilen (seit 2009) www.kinderdoctor.ch
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