 |
Impfungen für Erwachsene
von: Prof. Dr. med. Robert Steffen, Küsnacht
Erfahrungen der letzten Jahre
Herr A, etwa 40-jähriger Ingenieur mit weltweiten Geschäftsbeziehungen, ein Jogger, erkrankte grippeartig an Fieber, das nach wenigen Tagen verschwand. Kurz darauf plagten ihn Kopfschmerzen, extreme Müdigkeit, es traten Lähmungen vor allem in den Beinen auf, er erblindete. Zunehmend konnte er die Bewegungen in den Armen und Händen nicht mehr kontrollieren, seine Frau musste ihm das Essen zum Mund führen, um zu verhindern, dass die Bissen quer durch das Zimmer flogen. Es wurde die Diagnose einer Früh-Sommer-Meningo-Enzephalitis (FSME, eine durch Zecken übertragene Hirnhaut-Hirnentzündung) gestellt. Mit einer im Hirn eingepflanzen Elektrode haben sich unterdessen die ungewollten Bewegungen unterdrücken lassen, tapfer erlernte der Patient die Blindenschrift; weiterhin im Gehen behindert benötigt er wenigstens den Rollstuhl nicht mehr.
Frau B, über 75-jährig, liebte es ihre Rosen im Garten zu pflegen. Sie erkrankte zunächst ebenfalls kurz mit Fieber, der Hausarzt beachtete Verkrampfungen im Gesicht und wies die Patientin umgehend mit der Diagnose Starrkrampf in ein Spital am Zürichsee ein. Dort traten zunehmend zuckende Muskelkrämpfe im ganzen Körper auf, die Patientin musste auf der Intensivstation während mehreren Wochen im künstlichen Koma behandelt werden — aber sie hat dies ohne wesentliche Folgeschäden überlebt.
Nachdem im Kanton Solothurn innerhalb von wenigen Wochen 27 Personen an einer infektiösen Gelbsucht, einer Hepatitis A, erkrankt waren, erfolgten umfassende Abklärungen. Diese ergaben, dass Frau C, die Nahrungsmittel verkaufte, Hepatitis A Viren verbreitet hatte, obgleich sie nur unwesentlich erkrankt war. Offenbar hatte sie sich während der Ferien in Tunesien infiziert. Unter den angesteckten Personen waren andere Mitarbeiter des kleinen Betriebs, Freunde und Verwandte, aber auch Kunden, sowie später deren Angehörige. Drei Patienten mussten im Spital behandelt werden, total ergaben sich über 100 Arztkonsultationen und 400 Tage Arbeitsunfähigkeit aus dieser kleinen Epidemie.

Abschliessend sei noch über zwei Familien berichtet, die im Ausland durch Krankheiten empfindlich beeinträchtigt waren: Frau D. verpasste anlässlich einer Gruppenreise durch Indien einer Grippe wegen ausgerechnet den ersehnten Ausflug zum Taj Mahal in Agra; um sie zu pflegen verblieb auch ihr Mann im Hotel. Frau E. wurde in in den Vereinigten Staaten mehrfach von den Behörden befragt, nachdem ihr 23 Monate altes Kleinkind unmittelbar nach dem Flug nach Boston an Masern erkrankt war. Es mussten rund dreissig andere Flugpassagiere wegen möglicher Exposition gewarnt werden; einer erkrankte an Masern, der seinerseits mit 270 Personen in Kontakt kam, während er das Virus übertragen konnte. Unter diesen waren 99% geimpft oder dank durchgemachter Infektion immun, zwei Personen jedoch mussten wegen fehlender Immunität eine Flugreise verschieben.
Keiner der geschilderten Patienten war gegen die beschriebenen Infektionen geimpft.
Impfungen, auch für Erwachsene
Auch wenn keine der oben beschriebenen Patienten an der durch Impfung vermeidbaren Infektion verstorben sind, so waren doch die Folgen für die Betroffenen schwerwiegend, teilweise waren sogar Mitmenschen die Leidtragenden. Das illustriert die Bedeutung der Impfungen im Erwachsenenalter.
Kinderimpfungen sind bestens bekannt, im Kanton Zürich lassen 98% der Eltern ihre Sprösslinge impfen. Nur 2% der Erstklässler sind beispielsweise nie gegen Starrkrampf oder Kinderlähmung geimpft worden, sei dies, weil deren Eltern Impfgegner sind, oder weil vor allem Migranten die Empfehlungen nicht verstehen. Erwachsene hingegen - auch deren Hausärzte - vernachlässigen es oft, Impfungen aufzufrischen.
Häufige Fragen — und Fehlmeinungen
Um einen wirksamen Impfschutz aufzubauen, sind meistens mehrere Impfdosen nötig. Dabei dürfen die empfohlenen zeitlichen Abstände nicht unterschritten werden. Hingegen muss ein Impfzyklus niemals neu begonnen werden, auch wenn die Abstände um viele Jahre überschritten worden sind; es gilt die Doktrin "Jede Impfdose zählt".
Keine Impfung gewährt einen hundertprozentig garantierten Schutz, speziell bei der Grippeimpfung ist diese Quote merklich niedriger, aber bei vielen Impfstoffen liegt sie über 98%.
Keine Impfung ist völlig frei von Nebenwirkungen, aber in den letzten Jahren haben sich diese durch Anwendung neuer Techniken drastisch vermindern lassen. Trotz feinerer Nadeln spürt man oft einen kleinen Stich, und wenn man beim Einschlafen auf dem betreffenden Arm liegt allenfalls auch einen leichten Druckschmerz. Fieberanfälle treten bei Erwachsenen nur selten auf, und schwere Nebenwirkungen je nach Impfstoff gar nur bei einer von Hunderttausend Personen oder noch seltener.
Generell ist das Risiko von Nebenwirkungen bei allen in der Schweiz empfohlenen Impfungen um ein Vielfaches kleiner als der Nutzen der verhinderten Infektion. Den Lesern sei somit empfohlen, sogleich nach dem Impfausweis zu suchen um nachzusehen, ob allenfalls Impfdosen angebracht sind. Besonders günstig ist es, sich noch vor dem Frühjahr gegen die Zeckenenzephalitis impfen zu lassen, damit man bereits über einen Schutz verfügt, wenn die Zecken aktiv werden.
| |
Für Erwachsene empfohlene Routine-Impfungen:
- Starrkrampf (Tetanus) / Diphtherie: für alle Erwachsenen, Auffrischung alle 10 Jahre
- Zeckenenzephalitis (FSME): für alle Erwachsenen, die in einem Endemiegebiet wohnen oder sich zeitweise dort aufhalten (z.B. ganzer Kanton Zürich), Auffrischung alle 10 Jahre
- Grippe (Influenza): für alle Erwachsenen ab 65 Jahren jährlich vor der Grippesaison, neuerdings zudem auch für Schwangere ab dem 2. Trimester, für Wöchnerinnen und für schwer übergewichtige Personen
- Pneumokokken: für alle Erwachsenen ab 65 Jahren eine einzelne Dosis
- Impfungen für Auslandreisen: abhängig vom Reiseziel; in der Region Zürichsee verfügen folgende Arztpraxen auch über die Bewilligung zur Gelbfieber-Impfung (vgl. auch www.safetravel.ch):
| - Hombrechtikon: |
Dr. J. Skalsky |
| - Küsnacht: |
Prof. Dr. R. Steffen |
| - Wädenswil: |
Dr. F. Akert |
| - Wetzikon: |
Dr. R. van der Ploeg |
Nachhol-Impfungen:
- Masern / Mumps / Röteln (MMR): für alle Erwachsenen, die nach 1963 geboren worden sind und die nicht zwei Dosen MMR-Impfstoff erhalten haben
- Gebärmutterhalskrebs: Zur Entfaltung der vollen Wirksamkeit sollte die Impfung vor Beginn der sexuellen Aktivität abgeschlossen sein. Junge Frauen, die bereits Geschlechtsverkehr hatten, können eben falls geimpft werden, denn der Impfstoff wirkt, solange man sich noch nicht mit den entsprechenden Viren infiziert hat. Der Nutzen der Impfung nimmt jedoch ab, je grösser das Risiko ist, sich bereits angesteckt zu haben, das heisst, wenn die Zahl früherer Geschlechtspartner hoch ist. Neu werden bis Ende 2012 die Kosten für die Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) im Rahmen der kantonalen Impfprogramme auch für Frauen im Alter von 20–26 Jahren übernommen
- Andere Kinder-/Adoleszentenimpfungen: siehe Schweizerischer Impfplan 2011
Beachte: für Personen mit vorbestehenden Krankheiten, Schwangere, berufliche Gefährdung, etc. gelten spezielle Empfehlungen.
|
|
zum Autor
Prof. Dr. med. Robert Steffen, bis 2007 während drei Legislaturperioden Vizepräsident der Eidgenössischen Kommision für Impffragen, ist bezüglich Prävention von Infektionskrankheiten weiterhin Berater der Weltgesundheitsorganisation, des Bundesamtes für Gesundheit und diverser ausländischer Behörden. Weltweit gilt er er als ‚Vater der Reisemedizin’. In Küsnacht führt er mit seinem Partner Dr. med. Felix Angst eine Praxis als Grundversorger und Vertrauensarzt des Bundesamtes für Zivilluftfahrt. weitere Angaben
|
 |