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Wenn es uns die Stimme verschlägt
von: Dr. med. Susann Baumann, Küsnacht
".... und dann habe ich am Telefon gestritten und mich fürchterlich aufgeregt und plötzlich ist mir der Satz im Hals steckengeblieben und seither ist die Stimme weg!" erzählt die 34jährige Patientin mit Flüsterstimme. Sie hat mittlerweile eine wahre Odyssee von Arztbesuchen hinter sich und weil sie zur Zeit ihres Stimmversagens unter einem Schnupfen litt, wurden bereits verschiedene Therapien inklusive Antibiotika ausprobiert – alle ohne Erfolg.
Es hat ihr ganz einfach "die Stimme verschlagen" – und dagegen ist kein Kraut – sprich: keine Tabletten - gewachsen, weil es sich um eine Funktionsstörung des Kehlkopfes handelt, am besten vergleichbar mit einem "Computerabsturz". Das ausgesprochen komplizierte "Stimmprogramm", welches normalerweise automatisch und ohne unser bewusstes Zutun abläuft, muss "neu gestartet" werden, was bei einem gut ausgebildeten Facharzt in der Regel eine Sache von wenigen Minuten ist. So dramatisch wie ein plötzliches Stimmversagen sind die Stimmprobleme aber meistens nicht. Häufig leiden die Patienten "nur" an einer eingeschränkten Stimmleistung: "Die Stimme ist zu wenig laut", "sie hält nicht durch", "sie ist rau oder belegt".
In vielen Fällen handelt es sich auch hier um Funktionsstörungen. In ausgeprägten Fällen führen diese sogar zu organischen Veränderungen, sogenannten Stimmlippenknötchen, bei Kindern als Schreiknötchen, bei Sängern als Sängerknötchen bekannt.
Die Therapie besteht in einer logopädischen Übungstherapie, allenfalls unterstützt durch einen operativen Eingriff. Bei Kindern ist man bezüglich einer Therapie allerdings sehr zurückhaltend, weil es ihnen schwer fällt, das Erlernte im Alltag umzusetzen. Hier empfiehlt es sich, mit einer Therapie zuzuwarten bis nach der Pubertät und die Eltern zu bitten, auf ein ruhiges Sprechumfeld zu achten. Eine Abklärung durch einen spezialisierten Facharzt ist allerdings auch bei Kindern unumgänglich, um andere, ernsthaftere Ursachen der Heiserkeit auszuschliessen (bei Kindern z.B. eine juvenile Papillomatose). Überhaupt gilt:
Eine Heiserkeit, die länger als vier Wochen andauert, muss durch den Facharzt abgeklärt werden!
Bei Erwachsenen mit funktionellen Stimmstörungen wird möglichst früh eine logopädische Therapie eingeleitet, nicht zuletzt, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten.
Heute sind nämlich die meisten Menschen in einem Beruf tätig, bei welchem eine gute Stimme nötig, wenn nicht gar Voraussetzung ist, während um die Jahrhundertwende noch viele Menschen in einem eher handwerklichen Metier tätig waren.
Deshalb sind Stimmstörungen heute deutlich häufiger in den Facharztpraxen anzutreffen als früher. Insbesondere bei Menschen in stark stimmorientierten Berufen (z.B. Berater, Call Center, Lehrer) nehmen die Stimmprobleme stetig zu. Bei Lehrpersonen wird die Situation durch den Störlärm noch verschärft und belastet die Stimme zusätzlich. Es ist deshalb nicht nachvollziehbar, warum für das Ergreifen des Lehrberufes keine vorgängige Stimmprüfung Pflicht ist (wie dies z.B. von Gesangs-, Musical- und Schauspielschulen verlangt wird) und dass während der Ausbildung keine Stimmbildung und/oder Stimmberatung durchgeführt wird.
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Abb. 1: Stimmlippen bei der Atmung (Kehlkopfansicht bei der Lupenendoskopie)
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Abb. 2: Stimmlippen bei der Stimmbildung (Kehlkopfansicht bei Lupenendoskopie)
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Eine spezielle und sehr häufige Form einer Stimmstörung ist die Heiserkeit beim älteren Menschen, die sogenannte "Altersstimme".
Im Laufe des Lebens werden die Stimmlippen dünner und damit die Stimmfunktion schlechter. Bei den Frauen wird die Stimme häufig tiefer, bei den Männern höher. Dies betrifft nicht nur uns Durchschnittssprecher, sondern auch Berufssänger und -sprecher, die ihre Karriere deshalb vorzeitig aufgeben müssen. Die Behandlung umfasst eine Stimmtherapie oder einen operativen Eingriff mit Aufspritzen der Stimmlippen (ähnlich der kosmetischen Gesichtseingriffe). Beide Therapien sind häufig enttäuschend und führen nur zu minimalen oder vorübergehenden Verbesserungen. In diesen Fällen muss man sich – wie bei anderen Altersgebrechen – mit der Situation abfinden. Vielleicht hilft uns dabei der Ausspruch des bekannten Opernsängers Luciano Pavarotti:
"Ohne Stimme ist man nichts, mit Stimme ist man längst noch nicht wer."
Manche Patienten klagen weniger über eine Heiserkeit als vielmehr über Missempfindungen im Bereich des Kehlkopfes. "Es brennt und kratzt", "ein Kloss ist im Hals", "ich muss mich dauernd räuspern". Bei diesen Patienten kann zwar eine Funktionsstörung der Stimme vorliegen, häufiger aber finden sich Probleme im Kehlkopf, welche im Zusammenhang mit dem Magen (saures Aufstossen), mit Medikamenten (z.B. Asthmasprays) oder mit mangelnder "Stimmhygiene" stehen. Unter einer guten "Stimmhygiene" versteht man alles, was der Stimme gut tut, also viel trinken, auf eine gute Nasenatmung achten, die Stimme nicht überlasten, rauchige Räume meiden und selbst nicht rauchen.
Sehr viele Patienten, die den Facharzt mit einem Stimmproblem aufsuchen, haben in erster Linie Angst vor einer bösartigen Erkrankung, also vor Kehlkopfkrebs. Der Zusammenhang zwischen Rauchen und Stimmproblemen im Allgemeinen, aber auch von Rauchen und Kehlkopfkrebs ist klar erwiesen.
Kehlkopfkrebs tritt zwar nur bei etwa 3% aller Raucher auf, aber 99.8% der Patienten mit Kehlkopfkrebs sind Raucher.
Unter den organischen Kehlkopfveränderungen finden wir glücklicherweise häufiger gutartige Erkrankungen wie Polypen oder Zysten und nur selten eine bösartige Veränderung wie Stimmlippenkrebs. Dennoch müssen wir ihn bei allen Patienten mit einer Heiserkeit ausschliessen. Deshalb gehören Stimmprobleme, die länger als vier Wochen andauern, nicht in die Hände des Hausarztes, sondern des Hals-Nasen-Ohren-Arztes. Dieser kann den Kehlkopf auch bei starkem Würgereflex mit Hilfe von entsprechenden optischen Hilfsmitteln genauestens untersuchen und in vielen Fällen die Befunde im Bild oder Video dem Patienten zeigen.
Die Stimme ist ein Fenster zur Seele
"... und jetzt bin ich überglücklich, dass ich wieder im Chor singen kann", berichtet mir die 78jährige Dame, die nach einer schweren Kehlkopfentzündung Mühe hatte, die hohen Töne zu treffen. Ich zögerte keinen Moment, ihr nach der Diagnosestellung eine Stimmtherapie zu verschreiben im Wissen, dass die Stimme nicht nur Kommunikationsmittel, sondern auch Fenster zur Seele ist, ein Instrument, unseren Gefühlen Ausdruck zu verleihen – im Sprechen und im Singen.
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Zusammenfassung:
In der heutigen Zeit sind die meisten Menschen in einem kommunikativen Beruf tätig und deshalb auf eine gut funktionierende Stimme angewiesen. Stimmstörungen können viele verschiedene Ursachen haben. Es kann ein funktionelles oder ein organisches Problem vorliegen. Im Alter wird die Stimme naturgemäss schlechter. Nur in den seltensten Fällen ist die Heiserkeit Folge eines Kehlkopfkrebses. Dennoch sollte jedes Heiserkeit, die länger als vier Wochen dauert, bei einem Spezialisten oder einer Spezialistin abgeklärt werden. Die Therapie einer Stimmstörung richtet sich nach den Ursachen und umfasst Übungtherapien, Operationen oder eine medikamentöse Therapie. |
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zur Autorin
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Dr. med. Susann Baumann
Fachärztin FMH für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde
Fachärztin FMH für Phoniatrie (Stimm- und Schluckstörungen)
ORL-Praxen Küsnacht - www.orlpraxen.com
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